Tagesanzeiger: Mädchen spielen oft einfach Posen nach und spüren gar nichts.


Posted on Juli 16th, by Anika in Printmedien. No Comments

Je früher man mit der Aufklärung beginne, desto später findet das erste Mal statt, sagt Ann-Marlene. Das Aufklärungsbuch Make Love sorgt weiter für Aufsehen. Der Ton ist erfrischend, die Fotografie grossartig. Der Tagesanzeiger (Schweiz) hat ein Interview mit Ann-Marlene geführt.

Sie haben ein Aufklärungsbuch geschrieben. Was steht da drin, was die Generation Porno noch nicht weiss?
Die Generation Porno – 60 Prozent der 11- bis 13-Jährigen haben schon solche Filme geguckt – meint, alles zu wissen. Ihr Verständnis von Sexualität beschränkt sich aber auf die Kenntnis von Stellungen und den standardisierten Ablauf des Rammelns. Aber wie Erregung im Körper funktioniert, darüber weiss sie nichts. Das wissen die Erwachsenen übrigens oft genug auch nicht.

Wann soll man denn angesichts der Verfügbarkeit von Pornos mit der Aufklärung beginnen? Im Kindergarten?
Es kann gar nicht früh genug passieren! Man muss es bloss kindgerecht machen. Jeder Körper ist dazu gedacht, Erregung zu empfinden, sogar Einjährige haben Spass daran zu fummeln. Und Kinder sind neugierig. Das Problem sind nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, die verklemmt und mit rotem Kopf an die Sache herangehen und die erwachsene Sexualität auf die Kinder übertragen. Man soll den Kindern nie verbieten, ihre Geschlechtsteile anzufassen. Man soll sie an der Hand nehmen und mal im Bad gucken gehen, wie das zwischen ihren Beinen aussieht: wie bei Papa oder wie bei Mama? Übrigens zeigen weltweit alle Untersuchungen: Je früher mit der Aufklärung angefangen wird, desto später findet das erste Mal statt. Es hat also insofern eine gewisse präventive Wirkung.

Trotzdem haben Jugendliche am Anfang der Pubertät oft schon alles gesehen. Welche Folgen hat das?
Wenn man vier, fünf Jahre, bevor man überhaupt Sex in echt hat, solche Filme schaut, dann hat das definitiv Folgen: Das Gehirn wird geprägt, die Bilder hinterlassen unweigerlich ihre Spuren.

Was ist das Hauptproblem?
Dass in Pornos kein guter Sex gezeigt wird! Mit Gefühl und Genuss hat das wenig zu tun. Und dann werden da immer noch Geschlechterrollen gezeigt, die himmeltraurig sind: Die Frau bietet sich in allen möglichen Positionen an, wird vollgespritzt und mag das auch noch, was in der Realität meist nicht der Fall ist. Zudem meinen die Jugendlichen, alles bedienen zu müssen. Sie denken, Oral- und Analsex seien total normal, das würden doch alle machen, und sie müssten es deshalb auch tun. Dazu gesellt sich die Unfähigkeit, über die eigenen Wünsche zu sprechen, darüber, was man dabei fühlt – oder eben nicht.

Gilt das für beide Geschlechter?
Die Jungs sind genauso verunsichert wie die Mädchen. Weil sie heute auch weinen und stricken sollen, verlieren sie ihre Männlichkeit. Dennoch ist es bei den Mädchen fataler: Die spielen Posen nach und fühlen oft gar nichts. Die machen einfach mit. Frauen denken oft gar nicht an ihren Orgasmus – man muss eben zuerst etwas spüren, um einen Orgasmus haben zu wollen.

Ist die weibliche Sexualität noch immer derart mit Scham behaftet?
Mädchen sind von Anfang an benachteiligt. Die Jungs dürfen schon mal angeben mit ihrem Teil oder dran ziehen. Bei den Mädchen heisst es: Fass da nicht hin! Wie soll man so ein entspanntes Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität entwickeln?

Gibt es deshalb kein vernünftiges Wort für das Geschlechtsorgan der Frau?
Richtig! Das ist doch verrückt, nicht? Im 16. Jahrhundert wurde das weibliche Geschlechtsteil absolut korrekt beschrieben und anatomisch dargestellt. Danach verschwand es immer mehr, ab den 50er-Jahren war es aus sämtlichen Lehrbüchern entfernt, es ging nur um Penisse und Blutzufuhr. Und erst seit 2001 ist anerkannt, dass auch Frauen eine Prostata haben und dass man von der Klitoris nur den kleinsten Teil sieht. Erst seit 2001! Das ist doch nicht zu fassen! Da wundert es einen auch nicht, dass man einer Frau bis 1952 wegen Hysterie die Gebärmutter zwangsentfernen lassen konnte.

Vereinfacht gesagt entsteht bei Männern Nähe durch Sex, bei Frauen ist sie Voraussetzung dafür – und sie entsteht durch Reden. Ein grundsätzliches Problem?
Ja, aber das lässt sich chemisch erklären. Die Männer haben 20- bis 30-mal so viel Testosteron wie Frauen, und das bedeutet: Sie wollen und können fast immer vögeln. Erst nach dem Orgasmus schütten sie Hormone wie Oxytocin und Vasopressin aus, die dafür sorgen, dass man sich verbunden fühlt, entspannt, wohl. Bei den Frauen sind diese beiden Hormone stets und in viel höherer Dosis vorhanden, und die Frauen sind in gewisser Weise davon abhängig. Sie brauchen deshalb das Reden, die Nähe und das «Gesehenwerden». Dann steigt die Konzentration dieser Hormone und die Lust auf Sex auch.

Ein Mann sollte also einfach viel reden, wenn er eine Frau ins Bett bekommen will.
Und er soll lustig sein! Es stimmt nämlich, dass Männer, die Frauen zum Lachen bringen, die besseren Chancen haben. Weil: wenn die Frau lacht, bewegt sie ihren Beckenboden, und wenn sie das tut, wird ihre Vagina befeuchtet, und sie bekommt Lust.

Inwiefern widerspiegelt das Sexualleben eines Paares dessen Beziehung?
Sehr. Man ist sich in der Fachwelt einig, dass Intimität und Verlangen stark zusammenhängen. Wenn ein Paar keinen Sex mehr hat, ist das ein Symptom dafür, dass zwischen den beiden keine Intimität und kein Kontakt mehr herrscht, auch in der Kommunikation nicht.

Die Ratschläge, wie der Sex auch in einer langjährigen Beziehung spannend bleibt, klingen alle furchtbar angestrengt. Wäre es nicht ehrlicher, zu sagen: Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen?
Das stimmt eben nicht! Die Anthropologin Helen Fisher konnte nachweisen, dass es einen Unterschied zwischen Sex, Verliebtsein und Liebe gibt. In allen drei Zuständen sind unterschiedliche chemische Prozesse im Gehirn im Gange. Es scheint, dass die Chemie der Liebe ein bisschen die Chemie des Sex beeinflusst und umgekehrt. Und es gab eine tolle Untersuchung, in der Paare, die seit 30 Jahren zusammen waren, behaupteten, sie seien noch verliebt und hätten noch Sex. Man schob diese Paare in die Röhre und sah: Die hatten recht! Man konnte sehen, dass bei ihnen die gleichen Hirnregionen aktiv waren wie beim ersten Verliebtsein. Und wenn man verliebt ist, hat man doch immer Sex, oder?

Was machen diese Paare besser als andere?
Zwei Dinge: Sie haben die Fähigkeit zu Intimität. Das heisst, sie zeigen sich gegenseitig als Mensch, mit all ihren Fehlern. Gleichzeitig gehen sie gut mit Nähe und Distanz um. Weil jeder in gewissen Bereichen für sich bleibt, werden sie nicht wie Bruder und Schwester. Wer das beherrscht, bei dem muss die Leidenschaft keinesfalls flöten gehen.

Sex ist doch letztlich die normalste Sache der Welt. Weshalb entsteht heute der Eindruck, er sei so wahnsinnig kompliziert? Es handle sich um eine Art Leistungssport?
Der Sex bekommt zu spüren, was auch sonst spürbar ist: Überall werden einem Ideale um die Ohren gehauen, überall geht es um Superlative, alles soll perfekt sein, das ganze Leben. Man muss heute einen ausserordentlichen Beruf haben und in dem auch noch ausserordentlich erfolgreich sein. Und das erzeugt Druck, auch im Bett. Der Sex muss immer sofort möglich sein, multiorgiastisch und phänomenal. Ich werde in meiner Praxis oft gefragt: Kann Sex bitte einfach mal nur normal sein? Dann sage ich: Wer die Technik der Erregung verstanden hat, braucht weder Dildos noch Akrobatik – dann ist Sex einfach schön, weil man was spürt.

Interview: Bettina Weber
Quelle: Tagesanzeiger, 11.07.2012





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