JoyClub.de: Warum die Welt noch ein Buch über Sex braucht


Posted on Januar 20th, by Anika in Doch Noch Blog, Printmedien. No Comments

Ständig und überall werden Jugendliche heute mit Sex und Pornografie konfrontiert. Aber was sie dabei erfahren, ist wenig hilfreich, um eine eigene, eine gute Sexualität zu entwickeln. Darum war es an der Zeit für „Make Love: Ein Aufklärungsbuch“, ein zeitgemäßes Buch zum Thema „Sex“ für Jugendliche, das aber auch gerne von Erwachsenen gelesen werden darf. Sina S. traf Ann-Marlene zum offenen Interview für das Portal joyclub.de

Wenn Bücher Sexmodetrends setzen

Es war interessant, zu sehen, dass der Buchmarkt im letzten Jahr von zwei Büchern über Sex dominiert wurde. Auf der einen Seite waren da die vielbesprochenen „Shades of Grey„, in denen eine bis dato unbekannte Autorin ihre BDSM-Phantasien abarbeitet, und auf der anderen Seite ein Sachbuch über sexuelle Aufklärung. „Make Love“ richtet sich an junge Menschen, die beginnen, ihre Sexualität zu erforschen. Man könnte meinen, es bildet einen Kontrapunkt zu „Shades of Grey“, das uns BDSM quasi als neuen Sexmodetrend verkaufen will. „Macht man das jetzt? Muss das jetzt so?“, hat sich bestimmt so mancher Leser der dominant-devoten Liebesgeschichte gefragt. „Nein!“ scheint uns die Autorin von „Make Love“ dagegen zuzurufen. Das MUSS überhaupt nicht.

Es muss nur das, was ihr schön findet, was euch gefällt. Und dafür, also herauszufinden, was genau das ist, was euch gefällt, habt ihr alle Zeit der Welt. Und „Make Love“ möchte dabei ein wenig helfen. Es ist ein ambitioniertes Buch mit sehr direkter, aber auch ästhetischer und wohltuend ungekünstelter Bebilderung, mit modernem, entspanntem Ton und mit Antworten auf sehr viele wichtige Fragen. Nicht nur Jugendliche lernen hier noch etwas dazu. Auch Menschen meiner Generation, die der Meinung waren, eigentlich alles über Sex zu wissen, erfahren hier noch Neues. Dieses Buch ist wichtig. Es hilft, es rückt gerade, es nennt Dinge beim Namen. Ich finde es begrüßenswert, dass es geschrieben wurde.

Eine Autorin von „Make Love“: Ann-Marlene Henning

Ich hatte das außerordentliche Vergnügen, eine der Autorinnen, Ann-Marlene Henning, in ihrer Praxis / Wohnung in Hamburg besuchen zu dürfen. Ihre Räumlichkeiten befinden sich im schönen Stadtteil Eppendorf in einer klassischen Altbauwohnung. Dort empfängt mich an der Tür eine große, schlanke, attraktive Frau mit einem strahlenden, offenen Lächeln und einem charmanten dänischen Akzent. Sie entschuldigt sich für ein wenig Chaos, verabschiedet noch Verwandte, die gerade wieder nach Dänemark abreisen, und führt mich dann in ein kleines Zimmer mit einem großen Fenster, durch das viel Sonnenlicht hereinströmt.

Vor einer burgunderrot gestrichenen Wand stehen ein Sofa mit zwei Kissen mit Leopardenmusterbezug und zwei Stühle. Ich darf sitzen, wo ich möchte und wähle einen Stuhl. Das Zimmer wirkt warm und sympathisch. Bücher- und Papierstapel auf dem Schreibtisch zeigen: Diese Frau hat zu tun. Oh ja, sagt sie auf meine Nachfrage, sie sei schon vor dem Buch sehr gut im Geschäft gewesen, da sie öfter in den Medien erwähnt wird. Aber seit „Make Love“ würde alles wirklich langsam unübersichtlich. „Ich brauche eine Sekretärin!“, seufzt sie und lächelt verschmitzt. Sie wirkt vielbeschäftigt, aber keinesfalls konfus, sondern sehr wach, aufmerksam und diszipliniert. Das Chaos, das sie umgibt, hat auf jeden Fall Methode.

Ann-Marlene Henning weiß, was sie tut. Sie wurde 1964 in Dänemark geboren und lebt seit 1985 in Deutschland. Ihr dänischer Akzent sei nicht immer so schlimm, sagt sie, sie habe nur in den letzten Tagen mit ihrem Besuch viel dänisch gesprochen, da käme sie dann doch noch manchmal durcheinander. Mich stört es überhaupt nicht, ich mag es.

Frau Henning hat in Hamburg Neuro-Psychologie studiert und anschließend auch auf dem Gebiet gearbeitet, dann in Kopenhagen eine Ausbildung zur Sexologin absolviert und danach eine weitere Ausbildung zur Paar-Therapeutin gemacht. Sie hat das „Sexocorporel-Konzept“ in der Schweiz studiert und sie hat Seminare bei Dr. David Schnarch besucht. Wie ich bereits sagte: Sie weiß, was sie tut. Ich finde es wichtig, das zu erwähnen und spreche sie auch darauf an:

Von der Verantwortung eines Sexualberaters

Sina S.: Frau Henning, Sie haben eine sehr fundierte Ausbildung auf dem Gebiet der Psychologie und der Sexologie. Ich finde das vor allem vor dem Hintergrund betonenswert, weil ich in letzter Zeit beobachte, dass immer mehr Menschen „Sexualberater“ oder „Sexcoach“ auf ihre Visitenkarten schreiben. Diese Berufszweige sind begrifflich nicht geschützt und erfordern keine Ausbildung. Was unterscheidet Sie von solchen „Beratern“ und warum finden Sie es wichtig, sich von ihnen zu unterscheiden?

Ann-Marlene Henning: Oh ja, das sehe ich absolut als Problem. Es ist tatsächlich vom Gesetz her keinerlei Ausbildung gefordert, nicht einmal empfohlen. Ich finde aber, dass man unbedingt eine fundierte Ausbildung benötigt. Sie sehen ja an meinem Lebenslauf, dass ich immer noch dazu lerne und ich halte das auch für absolut wichtig.

Sehen Sie, zu mir kommen ja Menschen mit den verschiedensten Lebensgeschichten. Hinter einem Symptom wie einer Erektionsstörung oder einem Vaginismus (einer Verkrampfung der Vaginalmuskulatur; Anm. der Autorin) stecken ja oft tief sitzende Ursachen. Traumata, Missbrauchsgeschichten… Natürlich könnte ich die Menschen beraten, indem ich Tipps für sanfte Massagen oder Masturbationsübungen gebe, aber einen Menschen mit einem tiefergehenden Problem aufzufangen, diese Verantwortung kann ich nur übernehmen, wenn ich psychologisch gut geschult bin. Und selbst dann ist es nicht immer leicht.

Ich hätte diesen Mut nicht, Menschen auf einer so persönlichen, tiefgehenden Ebene wie der Sexualität zu beraten, wenn ich nicht wüsste, dass ich sie professionell auffangen kann. Mir hätte ohne meine Ausbildung definitiv etwas gefehlt. Lebenserfahrung und gesunder Menschenverstand sind natürlich hilfreich und wichtig, aber sie allein reichen für diesen Beruf nicht aus.“

Braucht es noch ein Aufklärungsbuch?

Sina S.: Frau Henning, zu Ihrem Buch: Diese Frage bekommen Sie in letzter Zeit sicher oft gestellt, aber auch der JOYclub möchte natürlich wissen, warum es Ihrer Meinung nach nötig war, dieses Buch zu schreiben? Man könnte meinen, dass junge Menschen – die ja die Zielgruppe des Buches sind – heute sehr viele Möglichkeiten haben, sich über Sex zu informieren. Viel mehr Möglichkeiten als Sie oder ich sie zum Beispiel hatten. Sex ist doch heutzutage omnipräsent. In der Werbung, in den Unterhaltungs- und in den Informationsmedien. Im Internet kann man sich, wenn man denn möchte, 24 Stunden am Tag über sämtliche Spielarten von Sex informieren und sich Sex in allen Varianten anschauen. Wozu dann noch ein Aufklärungsbuch? Tragen Sie damit nicht Eulen in ein überaufgeklärtes Athen?

Ann-Marlene Henning: Nun, es stimmt schon, was Sie sagen: Unsere Welt ist voll von Sex. Jungen und Mädchen kommen schon sehr früh mit Sex in Berührung. Das fängt damit an, dass auf dem Schulhof kichernd Handybilder und –videos angeschaut und getauscht werden, auf denen alles Mögliche zu sehen ist. Die meisten Kinder sehen auf diese Weise heute bereits mit 13 oder 14 Jahren Pornofilme und bekommen eine auf spektakulär und perfekt getrimmte Hochglanzsexwelt präsentiert.

„Es steht unglaublich viel unrichtiger Blödsinn im Internet.“

Solche einseitigen Bilder wecken natürlich Erwartungen und formen Vorstellungen. SO soll also Sex sein. Männer mit immer bereiten Riesenschwänzen, Frauen mit Ballonbrüsten und Dauerorgasmen, literweise Körperflüssigkeiten und immer und überall Lust. Viele, und nicht nur junge, Menschen haben die Vorstellung, dass Sex so ist. Aber wenn Jugendliche dann erste eigene Erfahrungen machen, stellen sie fest, dass sich die nicht mit den Bildern in ihrem Kopf decken.

Mädchen sehen nicht aus wie nach einer gründlichen Photoshop-Bearbeitung, Jungen „funktionieren“ nicht wie die Uhrwerke… da sind Frust und Enttäuschung vorprogrammiert und das führt nicht selten schon bei jungen Leuten zu Problemen mit dem eigenen Körper. Erektionsprobleme, Orgasmusprobleme, Ängste, Kummer mit dem eigenen Körper sind die Folge. Viele Jugendliche fragen sich beim Anblick von eventuell sehr expliziten Praktiken „Oh je, MUSS ich das jetzt mögen? Und wenn ich es nicht mag, stimmt dann etwas nicht mit mir?“ Mit „Make Love“ wollte ich einen Kontrapunkt zur medialen Über- und Falschinformation setzen. Das Internet ist bei vielen Teenagern ja quasi die Bibel. Was dort drin steht, das stimmt.

Sina S.: Ist das denn nicht so?

Ann-Marlene Henning: Nein! Ich rege mich oft darüber auf, wie viel Unsinn man dort selbst auf Seiten mit seriösem Informationsanspruch zu lesen bekommt! Informieren Sie sich online mal über den Aufbau des weiblichen Körpers. Nicht mal die Begriffe „Vulva“ und „Vagina“ werden dort korrekt verwendet. Es steht unglaublich viel unrichtiger Blödsinn im Internet.

Pornos zur Aufklärung mehr als ungeeignet

Sina S.: Und wenn ich mein Kind nun mit 13, 14 oder 15 Jahren dabei ertappe, dass es sich auch solche „Informationen“ besorgt, dass es vielleicht sogar Pornos schaut? Wie reagiere ich denn am besten?

Ann-Marlene Henning: Tja, für die Antwort auf diese Frage bin ich tatsächlich in letzter Zeit des Öfteren regelrecht angefeindet worden…

Lasst Jugendliche mit der Informationsflut aus dem Netz nicht allein.

Sina S.: Was? Wieso das denn?

Ann-Marlene Henning: Naja, ich habe gesagt: Lasst sie schauen, aber schaut mit ihnen. Lasst sie mit der Informationsflut aus dem Netz nicht allein. Sagen Sie etwas dazu! Ihre Meinung, Ihr Gefühl, wie Sie selbst dazu stehen, was es mit Ihnen macht! Sagen Sie es auch ruhig ehrlich, wenn Sie etwas einmal nicht wissen. Formulieren Sie Ihre Unsicherheit. Die Hauptsache ist, Sie fangen an, darüber zu sprechen.

Sina S.: Verbieten hat aus Ihrer Sicht also wenig Zweck.

Ann-Marlene Henning: Ach, gar keinen Zweck. Das ist doch ein alter Hut. Was verboten wird, wird doppelt interessant und wird erst recht gemacht. Das war bei Ihnen und mir früher doch auch nicht anders. Die Kinder WERDEN mit diesen Dingen konfrontiert, so oder so. Da hat es doch keinen Zweck, als Elternteil dieses Thema zu tabuisieren und unter den Tisch zu kehren. REDEN über Sex ist wichtig. Den verzerrten, einseitigen Bildern aus dem Netz etwas Realität entgegensetzen. Erklären, dass in Wirklichkeit längst nicht alle Schwänze so groß sind und dass die meisten Mädchen viel kleinere Brüste haben oder dass sie zumindest anders aussehen.

Sex, wie er in Pornos dargestellt wird, ist künstlich und dient einer gewissen Form von Unterhaltung. Er bildet aber nicht die Realität ab. In der Realität spielen sehr viel mehr Gefühle eine Rolle, sehr viel mehr Sinne. Geräusche, Gerüche, Nervosität, Verliebtheit, Herzklopfen… das richtige Leben eben. All das sollten Kinder erfahren und zwar von ihren Eltern und nicht aus dem Internet. Die Leute sollten offen über Sex sprechen. Das sollte allgemein, aber besonders innerhalb der Familie, sehr viel selbstverständlicher werden.

Gespräche über Sex und Aufklärung fördern

Sina S.: Und „Make Love“ hilft Eltern dabei?

Ann-Marlene Henning: Ja, das hoffe ich. Wir haben den Ansatz extra so gewählt. Schon die Bilder sind sehr besonders. Kein Hochglanz, kein Photoshop, nur natürliche, junge Menschen, die miteinander schlafen.

Sina S.: Das Gespräch über Sex soll also selbstverständlicher werden.

Ann-Marlene Henning: Ja, genau. Sex wird immer noch totgeschwiegen. Das klingt absurd in der heutigen Zeit, aber es ist in meiner Praxis jeden Tag erlebte Realität. Sehr viele meiner Patienten sind längst erwachsen, haben zum Teil eigene Kinder und haben noch nie über ihre sexuellen Gedanken oder Probleme gesprochen. Mit niemandem.

Sie wissen teilweise so elementare Dinge nicht, dass man nur staunen kann. Sie kennen ihre Körper nicht. Sie wissen nicht, dass ein Mann nicht immer seinen Penis direkt anfassen muss, um sexuell erregt zu werden oder dass ein schlaffer Penis genau so empfindungsfähig ist wie ein steifer oder dass Frauen nicht besonders gut allein durch die Reibung des Penis stimuliert werden und und und… Einer Frau, die bei mir war, war zum Beispiel nicht klar, dass die Klitoris nicht zum Pinkeln benutzt wird…

Sina S.: …???

Ann-Marlene Henning: Ja, da schauen Sie. Habe ich alles schon erlebt, und nicht nur einmal! Und nun stellen Sie sich mal vor, dass solche Eltern mit ihren Kindern über Sex sprechen sollen. Da wird Unwissenheit von einer zur nächsten Generation weitergegeben.

Nein, Erwachsene sollten aufgeklärt sein, damit sie ihre Kinder aufklären können. Nach meiner Erfahrung WOLLEN viele Erwachsene das aber gar nicht. Warum, das frage ich mich selbst oft. Sie erklären mir dann, sie würden ihre Kinder schützen wollen vor der Übersexualisierung dieser Welt. Aber sie tun genau das Gegenteil. Sie schaffen bei den Kindern und Jugendlichen keine Grundlage, um später mit dieser Reizüberflutung selbst gut klarzukommen. Eltern, die nicht aufklären wollen, schützen nicht ihre Kinder. Sie schützen nur sich selbst vor dem einen oder anderen für sie etwas unangenehmen Gespräch. Das ist alles.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter…

Sina S.: Mir ist beim Lesen aufgefallen, dass in den Texten und Bildern sehr viel Wert auf Toleranz und auch auf Gleichberechtigung gelegt wird. Es wird beispielsweise betont, dass auch eine Frau durchaus aktiv sein darf, wenn es ums Kennenlernen geht. Wenn sie möchte, soll sie flirten, ansprechen, deutlich zeigen und sagen, was sie möchte. Ich gehöre einer anderen Generation an und mir kam spontan der Gedanke, dass das so einfach nicht ist. In den Köpfen vieler Männer gibt es da noch sehr viele Vorurteile…

Ann-Marlene Henning: Naja, in der Realität ist das auch so und nicht nur bei Männern Ihrer oder meiner Generation… Um ehrlich zu sein, der Verlag hat einen sehr gleichberechtigten Ton vorgeschlagen und mittlerweile glaube ich auch, dass es wichtig ist, die Situation abzubilden, wie sie sein SOLLTE. Nicht wie sie manchmal vielleicht trotzdem noch ist. Als gutes Beispiel sozusagen.“

Sina S.: Sie hätten also nicht so gleichberechtigt geschrieben?

Ann-Marlene Henning: Doch, auf der einen Seite schon. Weil es wichtig ist, aufzuzeigen, dass es völlig ok ist für eine Frau, initiativ und sexuell selbstbewusst zu sein. Gleichberechtigung ist eine wichtige Sache und es sollte sie auf allen Ebenen geben. Was ich meine, ist, dass die Tatsache, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, weiterhin positiv wahrgenommen werden sollte. Gerade in der Sexualität kommt es eben häufig zu Problemen, wenn der Mann „seinen Mann nicht steht“ und die Frau sich nicht hingeben kann oder möchte. Ganz freiwillig. (sie lächelt)

Sina S.: Inwiefern?

Ann-Marlene Henning: Ich möchte die Dinge, die die Frauenrechtlerinnen für uns erreicht haben und immer noch erreichen, gar nicht schmälern. Und auch, was die Sexualität betrifft, sind wir längst noch nicht zu Ende emanzipiert! Aber ich meine, das sollte sich nicht darin zeigen, dass die Frau im Bett agiert wie ein Kerl.

„Wir Frauen müssen heute tatsächlich aufpassen, dass wir im Bett unsere Männer MANN sein lassen.“

Sina S.: Soso…

Ann-Marlene Henning: Ja, sehen Sie: Ein Mann muss hart und fest sein, um Sex haben zu können. Er muss stark und kraftvoll sein. Nur so funktioniert die Penetration überhaupt. Eine Frau hingegen muss weich und nachgiebig sein. Sie muss sich öffnen und hingeben. Sonst könnte der Penis gar nicht in sie eindringen. So funktionierte Sex schon immer und so wird er immer funktionieren.

Warum soll ich es also als Frau nicht genießen können, die Härte und Stärke und Kraft meines Partners zu spüren und ihn in mich aufzunehmen und ihm meine feuchte, warme Weichheit zu schenken? Was ich damit meine: Im Alltag ist Gleichberechtigung für uns heute richtig und wichtig. In der Familie, im Job… alles keine Frage. Aber im Bett? Da sollten wir doch unsere uns angestammte Art der Lust und des Empfindens genießen können.

„Aber vom Grundsatz her sollte eine Frau ihren Partner doch immer spüren lassen, dass sie im Bett seine Männlichkeit schätzt und genießt.“

Wie oft habe ich hier auf diesem Sofa Paare sitzen, deren Frau sich beklagt: „Ja, also ich habe den BESTEN Mann von allen! Er unterstützt mich, er hört mir zu, er hat Verständnis, er ist immer so lieb zu mir… aber im Bett finde ich es leider oft langweilig.“ Tataa!

Wir Frauen müssen heute tatsächlich aufpassen, dass wir im Bett unsere Männer MANN sein lassen. Diese Trennung von Alltag und Bett, die halte ich für immens wichtig. Das heißt ja nicht, dass ein Mann als Liebhaber nicht einfühlsam und zärtlich sein darf. Aber er sollte eben auch zupacken können und dürfen und die Richtung angeben…, die ich als Frau dann auch wieder ändern kann (sie lächelt wieder). Es ist ein spielerisches Kräftemessen. Jeder kennt seinen Part und kann ihn spielerisch variieren. Dennoch bleiben die Grundpositionen bestehen. Das ist nötig, damit Sex überhaupt funktioniert.

Sina S.: Von dominanten Frauen halten Sie also gar nichts?

Ann-Marlene Henning: Doch doch… grundsätzlich ist dagegen gar nichts zu sagen, wenn sie ihn auch mal dirigieren will im Bett. Ihn festhält, sich an ihm bedient… wie ich schon sagte: Als kleinen spielerischen Rollentausch finden viele Paare das bestimmt sehr aufregend. Auch die Männer! Aber vom Grundsatz her sollte eine Frau ihren Partner doch immer spüren lassen, dass sie im Bett seine Männlichkeit schätzt und genießt.

Sina S.: Alice Schwarzer würde das vielleicht als rückschrittlich empfinden…

Ann-Marlene Henning: Das glaube ich nicht. Ich glaube, es hat sehr viel mit Gleichberechtigung zu tun, gern eine Frau zu sein. Entscheidend für die Gleichberechtigung ist in meinen Augen der freie Wille. Ich habe als Frau heute die Freiheit, stark und schwach gleichzeitig oder abwechselnd sein zu dürfen, wann immer es für mich richtig erscheint und sich gut für mich anfühlt. Die Entscheidungsfreiheit und die Selbstbestimmtheit, das ist die wahre Gleichberechtigung.

Lernbarer Sex und neue Projekte

Sina S.: Im Buch schreiben Sie „Sex ist lernbar“. Wie Skateboard fahren. Gilt das denn eigentlich nur für junge Menschen oder kann ich theoretisch auch noch Skateboard fahren lernen?

Ann-Marlene Henning: Aber ja! Unsere Empfindungen und unser Sex ändern sich ja das ganze Leben lang immer wieder. Es ist nie zu spät, etwas darüber zu lernen, was dem Körper gut tut und gefällt.

Sina S.: Wäre das nicht auch ein Buch wert?

Ann-Marlene Henning: Ja, absolut! Es ist auch schon ein neues Buch in Planung, das sich an Erwachsene und auch an ältere Menschen richtet. Auch in dem Bereich gibt es so viele Themen, die dringend einmal angesprochen werden müssen…

Sina S.: Da stimme ich Ihnen absolut zu, Frau Henning. Ich freue mich auf Ihr nächstes Projekt und bedanke mich für das nette Gespräch.

Die Autorin Sina S.

Sina arbeitet freiberuflich als Redakteurin, Texterin, Autorin und Übersetzerin. Ihre Texte zum Thema Liebe, Sex, Beziehung und Familie erscheinen regelmäßig online oder in Print-Magazinen. Erotische Kurzgeschichten von ihr sind bereits in mehreren Sammelbänden erschienen. Ihr Herz gehört ihrer Heimatstadt Hamburg, aktuell lebt sie mit Mann und Sohn in Nordrhein-Westfalen.

Quelle: joyclub.de, 11.01.2013

 





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