Schäm dich!

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Über Sex sprechen wir nur, wenn es um den anderer Leute geht. Kein Wunder, schließlich lernen wir schon als Kinder, dass Sexualität etwas ist, für das man sich schämen muss. Das Debattenmagazin „The European“ hat sich mit Ann-Marlene zum Gedankenaustausch kurzgeschlossen:

Ausschweifender Sex, spezieller Sex. Im Swingerclub, auf Motto- oder Fetischpartys, im Porno und im World-Wide-Web. Oder der perfekt ausgeleuchtete „Hollywood-Sex“ aus der Mainstream-Kinoindustrie: Sex ist allgegenwärtig. Fremdgeh- Single und Dating-Portale boomen. Und egal, ob Espressomaschinen oder Eis: Immer häufiger werden Produkte mit sexuellen Botschaften beworben. Es findet eine Flucht von der eigenen in die öffentliche Sexualität statt: „Schau, wir reden über Sex (der anderen), wir sind nicht verklemmt!“

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist der eigene, ganz private Sex. Der ist ein Tabu-Thema. Sich zeigen und offenbaren, Bedürfnisse oder Probleme preisgeben? Oh, nein, so was behält man für sich, der Partner weiß von nichts. Und nach dem ersten Verliebtsein, wenn die Hormone sich beruhigen, hat man ihn kaum noch – den ganz normalen, privaten Sex. Der Medien-Sex dagegen bleibt und macht Druck. Bilder von perfekten Körpern beim Gourmet- oder Fastfood-Sex flimmern am inneren Auge vorbei und wir laufen diesem unnahbaren Traum hinterher. Sex muss häufig stattfinden, wunderschön und perfekt sein, jeder kommt und alle sehen gut aus. Kann ich das? Nein, denn das kann keiner. Weil der Mensch so nicht funktioniert, sondern Fehler und Macken hat – und vor allem ein tiefes, inneres Bedürfnis danach, wahrgenommen zu werden. Er möchte spüren. Und wo geht dies besser als in der Sexualität oder im echten Kontakt mit einem anderen Menschen? Allerdings: Hier findet leider das große Schweigen statt.

Vergnüglicher Fummelspaß

Kein Wunder! Auf der Gefühlsebene lernen wir früh, nicht laut, traurig oder wütend zu sein. Wir lernen, Gefühle klein zu halten oder gar wegzudrücken, werden sonst böse angeschaut, lächerlich gemacht oder mit Liebesentzug bestraft. Und später steht dann der Partner da, den wir genauso lieben, wie damals Mama oder Papa … und schon schweigen wir wieder. Wie sage ich meinem Partner, wie es mir beim Sex wirklich geht? Dass ich Sorge habe, schlecht abzuschneiden? Dass ich eigentlich noch nicht so viel Sex hatte? Dass ich ganz schön lange brauche, um zu kommen, wenn überhaupt? Oder, dass es mich traurig macht, dass meine Erektion manchmal in sich zusammenfällt? Da spiele ich doch lieber etwas vor. Sich jemand anderem zu öffnen, ihm sich mit echten Bedürfnissen und Wünschen zu zeigen, macht verwundbar – besonders in der Sexualität sind wir nicht nur im wörtlichen Sinne „nackt“.

Das Schweigen ist also anerzogen, denn als Kinder sind wir offen, neugierig und kennen keine Scham. Jedes Kind hat einen angeborenen Drang danach, seinen Körper zu erkunden und zu spüren. Auf ganz natürliche Weise fassen sich schon Babys an die Geschlechtsteile, drücken sich gegen ihre Windel und spüren … was Tolles! Auch wenn sie nicht wissen, was es ist, aber es fühlt sich gut an und sie wollen mehr davon. Nur wird dieser vergnügliche Fummelspaß von den Eltern gern mit beschämtem Schweigen honoriert. Eine Hand wegnehmen oder nichts sagen, wenn eigentlich ein wohlwollender Blick und eine Ermutigung angebracht wären – deutliche Botschaften. Negative Botschaften. Es ist noch nicht lange her, da galt Selbstbefriedigung als Auslöser für diverse Krankheiten und nervliche Degeneration und wurde ausführlich in ärztlichen Ratgebern für „die moderne Frau“ um 1900 herum beschrieben. Über Jahrhunderte fand die Sexualität der Frau außerdem nur aus Gründen der Reproduktion statt. Mit der Diagnose „Hysterie“ konnte Frauen bis 1952 ihre Gebärmutter operativ und – wenn nötig – auch unter Zwang, entfernt werden. Viktorianische Ära und Freud lässt grüßen. Ja, wir schämen uns immer noch.

Gute Sexualität ist nicht angeboren

Das Resultat: Viele Menschen kennen ihren eigenen Körper nicht und wissen kaum, wie er in Bezug auf Erregung funktioniert. Kaum jemand fragt sich, ob und wie es mit der Sexualität nach der Pubertät eigentlich weitergehen könnte. Frauen fassen sich nach wie vor ungern selber an und einige erleben nie einen Orgasmus. Viele Männer hingegen kommen auch als Erwachsene noch viel früher, als ihnen lieb ist, was in einigen Fällen normalen Geschlechtsverkehr nahezu unmöglich macht. Die wenigsten tun aber was dagegen, fühlen sich unzureichend und geben auf. Denken, dass sie alleine mit ihrem Problem dastehen – geredet wird nicht.

Das ist schade, denn: Gute Sexualität ist nicht angeboren. Die lernt man erst. Bei fast allen sexuellen Problemen – und sei es nur „schlechter“ Sex – kann man etwas tun, damit es besser wird. Was fehlt, ist Grundwissen über einfache körperliche Zusammenhänge: Für Erregung und Genuss müssen neue Synapsen gebildet werden, wie beim Lernen einer Sprache. Nicht das Problem ist also im Kopf, wie viele denken, sondern die Lösung! Es geht darum, überhaupt zu verstehen, wie man den Körper benutzen kann, um Erregung zu steigern oder zu drosseln. Es geht ums Spüren! Wir müssen versuchen, den Kreislauf zu unterbrechen, der Sex als beschämend, sündig, verboten oder sogar gefährlich dastehen lässt – und endlich den Spaß, die Lust, den Entdeckerdrang und das Spielen wecken.

Spaß und Neugierde nicht vergessen

Das bedeutet aber auch, über eventuelle eigene Unzulänglichkeiten, Ängste, Unbehagen und Vorbehalte zu reden, fehlendes Wissen einzugestehen, authentisch zu sein. Und den Spaß und die Neugierde nicht zu vergessen: den Partner mal vor den Kindern zu umarmen, eine humorvolle, aber anzügliche Bemerkung über seinen schönen Hintern zu machen. Aber vor allem: über eigene Erfahrungen zu sprechen. Vielleicht mit dem Jugendlichen zusammen im Netz recherchieren, Bücher zum Thema Sex besorgen. So entstehen erste gute Gespräche und Kinder merken, dass sie fragen und reden können, ohne sich schlecht oder schuldig zu fühlen. So können sie mit einem natürlichen, mit einem guten und entspannten Gefühl für Sexualität aufwachsen. Schweigen schützt nicht die Kinder, sondern ausschließlich unser Schamgefühl. Also, hinschauen, sich mitteilen und endlich anfangen, zu genießen. Frei nach der Devise: Lasst die Kinder fummeln und bleibt als Erwachsene authentisch.

Quelle: Ann-Marlene Henning für the european, 03. März 2013

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